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aktuelles --- 04.03.2006 ---

Tschad-See schrumpft dramatisch

Vor mehr als 2.000 Jahren hatte der Tschad-See die Größe des heutigen Deutschland, 1960 war er noch so groß wie Nordrhein-Westfalen. Seither ist er dramatisch geschrumpft und erreicht in trockenen Jahren nur noch auf die Größe der Stadt Berlin. Dies haben in der Vergangenheit NASA-Aufnahmen und vor Kurzem auch Luftaufnahmen des ersten nigerianischen Satelliten gezeigt. Die durchschnittliche Tiefe beträgt nur noch etwa 1,50 Meter.

Luftaufnahme des Tschad-Sees

Der See hat eine sehr große Bedeutung für Menschen, Fische und Vögel. Er war ein wichtiger Kreuzungspunkt von west- und zentralafrikanischen Handelsrouten, ist der Lebensraum zahlreicher Tiere, darunter etwa 120 Fischarten, und bildet einen wichtigen Rastplatz für Millionen Zugvögel auf dem Weg von Süd- und Zentralafrika nach Europa. Heute ist der See aber nicht nur auf ein Zehntel seiner Fläche von vor einigen Jahrzehnten geschrumpft, sondern auch etwa zur Hälfte mit Gras, Schilf und Papyrus bedeckt, was die Nutzung durch Fischer einschränkt und das natürliche ökologische Gleichgewicht gefährdet.

Der Tschad-See zeichnet sich durch stark unterschiedliche Wasserstände zwischen Regenzeit und Trockenzeit aus. Etwa 90% des Wassers liefert der Chari-Fluss, etwa 10% das Komadougou-Yobe-Flussystem. Die Zuflüsse entspringen in der Zentralafrikanischen Republik, Kamerun und Nigeria. Im Einzugsgebiet des Tschad-Sees leben etwa 20 Millionen Menschen.

Auf den von den Kolonialherren Ende des 19. Jahrhunderts gezogenen Grenzen wurde der Tschad-See gleich auf vier Staaten aufgeteilt: Nigeria, Niger, Kamerun und Tschad. Der geschrumpfte See befindet sich heute lediglich noch auf dem Territorium des Tschad. Seine wirtschaftliche Bedeutung für die Bewohner der Region büßt der See immer stärker ein. Viele Fischer haben ihre Lebensgrundlage verloren, können sich aber keine neue Existenz in der Landwirtschaft aufbauen, weil hierfür ebenfalls das Wasser fehlt. Auf dem trockengefallenen Seeboden sind inzwischen mehr als 25 neue Siedlungen entstanden.

Es gibt unterschiedliche Erklärungsversuche dafür, warum der See in den letzten Jahrzehnten so stark geschrumpft ist. Alle Theorien messen den Klimaveränderungen eine große Bedeutung zu. Die höheren Temperaturen haben zu einer verstärkten Verdunstung geführt, und auch die Wassermenge der Zuflüsse des Sees ist zurückgegangen. Eine Rolle spielt offenbar, dass der Rückgang der Vegetation in den Savannenregionen im Einzugsgebiet des Sees (vor allem durch Überweidung) zu einer Veränderung des regionalen Klimas beiträgt, vor allem zu größerer Trockenheit. Ein weiterer Faktor ist die verstärkte Nutzung des Wassers von See und Zuflüssen für die Trinkwasserversorgung und die Bewässerung von Feldern. Im Tschad hat sich die Bevölkerung in den letzten vier Jahrzehnten verdreifacht.

Wissenschaftler der Universität von Wisconsin-Madison/USA haben 2001 ihre Forschungsergebnisse zum Schrumpfen des Sees veröffentlicht. Danach trug die Bewässerungslandwirtschaft in den Jahren von 1966 bis 1975 nur zu fünf Prozent zum Austrocknungsprozess bei. Von 1983 bis 1994 wurden die bewässerten Landwirtschaftsflächen aber vervierfacht und nun trug die Bewässerungslandwirtschaft bereits 50% zur weiteren Austrocknung des Sees bei. Inzwischen sind weitere Bewässerungsprojekte gestartet worden, manche Vorhaben am See sind allerdings gleich nach ihrer Fertigstellung zu Entwicklungsruinen geworden, weil der See sich inzwischen weiter verkleinert hatte und kein Zugang zum Wasser mehr bestand. Es gibt zudem die Theorie, dass der See durch ein unterirdisches Loch Wasser verliert, das zur Grundwasserbildung in der Sahel-Region beitrage. Aber diese Theorie ist nicht bewiesen. Als nachgewiesen gilt hingegen, dass der Tschad-See in einem Jahrzehnt nur noch jeweils einige Monate während der Regenzeit bestehen wird, das übrige Jahr aber von der Landkarte verschwindet - wenn nichts Entscheidendes geschieht.

Vergleich des Tschad-Sees früher und heute

Viele der 677 natürlichen und künstlichen Binnengewässer des afrikanischen Kontinents stehen nach Angaben des UN-Umweltprogramms UNEP vor ähnlichen Problemen, etwa der Songor-See in Ghana und der Viktoriasee in Ostafrika. UNEP hat einen Atlas der afrikanischen Seen herausgegeben, in dem mit Satellitenaufnahmen das Schrumpfen der Binnengewässer nachgewiesen wird.

Um die Austrocknung des Tschad-Sees zu verhindern, haben die Staaten des Einzugsgebiets den Plan entwickelt, einen Teil des Ouabangui-Flusses durch einen Kanal mit dem Chari-Fluss zu verbinden, der das Wasser in den Tschad-See transportieren würde. Die Umweltschutzorganisation WWF warnt vor den Folgen eines solchen Projektes, denn mit dem Wasser würden auch neue Pflanzen- und Tierarten den Tschad-See erreichen und die dortige Biodiversität auf unabsehbare Weise verändern. Statt dessen sei eine nachhaltige Nutzung des Wassers des Sees und seiner Zuflüsse erforderlich.

Ein insgesamt positives Zeichen ist, dass sich die fünf Staaten im Einzugsgebiet des Sees und seiner Zuflüsse 1964 zur "Lake Chad Basin Commission" zusammengeschlossen haben und sich gemeinsam für ein nachhaltiges Management der Nutzung des knappen Wassers der Region einsetzen wollen. Und da für das Kanalprojekt wohl auch in Zukunft die Gelder fehlen werden, besteht die Chance, Konzepte zu einer wassersparenden Bewässerungslandwirtschaft sowie andere Maßnahmen zum umsichtigen Umgang mit dem Wasser und zur Rettung des Tschad-Sees zu verwirklichen. Diese Bemühungen werden allerdings vergeblich sein, wenn die Industriestaaten nicht endlich den Ausstoß von Treibhausgasen drastisch vermindern, die globale Klimaveränderungen auslösen. Das dramatische Schrumpfen des Tschad-Sees ist eine deutliche Warnung an die Weltgemeinschaft, was bevorsteht, wenn keine energischen Schritte zum Klimaschutz unternommen werden.

Eine Darstellung der Situation des Tschad-Sees finden Sie als pdf-Datei unter panda.org.

Die Fotos zu diesem Beitrag stammen von der NASA (oben) und vom UN-Umweltprogramm UNEP.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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